JOE BARBIERI - Maison Maravilha

Release: 10/2009

Format: CD

Tracks: 11

Catalogue:

LPM 23-2 (CD)


TRACKS

Normalmente

Fammi tremare i polsi

Lacrime di coccodrillo

Malegría

Castello di sabbia

Wanda (stai seria con la faccia)

Tacere/parlare

Gira e rigira

La muraille de Chine

Fa' conto

Onda schiva


Noch schöner? Geht das? Joe Barbieris erstes Album auf Le Pop Musik "In parole povere" beeindruckte Presse und Radio durch die makellose Schönheit seiner Musik. Für den Nachfolger "Maison Maravilha" vergrößert der italienische Sänger und musikalische Ästhet seinen und unseren musikalischen Kosmos durch eine noch größere stilistische Vielfalt. Das Spektrum von Cantautori, Bossanova und Pop erweitert Barbieri nun um Elemente von Chanson, Fado und Tango. Die schon vorhandene Jazz-Note arbeitet er zudem noch stärker aus. "In parole povere" erbrachte den Beweis, dass es doch guten Italopop jenseits der Eisdiele gibt. Mit "Maison Maravilha“ liefert Joe Barbieri nun die eindrucksvolle Bestätigung dafür. Mit dabei: ein wunderbares Duett der Buena Vista Social Club-Sängerin Omaro Portuondo.

Neapolitanisches Kino

Trotz der größeren stilistischen Bandbreite wirkt Barbieris neues Album noch kohärenter als der Vorgänger. Nicht zuletzt mag das an der behutsamen Verfeinerung des Sounds durch ein Streichorchester liegen. Die versponnen Arrangements geben einen Hinweis darauf, woher Barbieri seine Inspiration nahm: "Maison Maravilha" ist aus dem Geist von Filmsoundtracks der 50er und 60er Jahre entstanden. "Ich habe in den letzten Jahren viel von Komponisten wie Nino Rota oder Ennio Morricone gelernt und wollte ein Album veröffentlichen, dass auch ein Soundtrack sein könnte." Nur, dass solche Filme nicht mehr gedreht werden. Belassen wir es also bei den Bildern, die zu seinen elf neuen Songs in unseren Köpfen entstehen. Zum Beispiel das Bild von Joe Barbieri, der während der Aufnahmen zu seinem neuen Album immer wieder mit dem Auto durch die neapolitanische Nacht fuhr. Während dieser Fahrten hörte er die frischen Aufnahmen und gab sich erst zufrieden, wenn die Musik die Atmosphäre dieser eigentümlichen Stadt und ihrer Umgebung aus seiner Sicht perfekt spiegelte. Schließen wir also die Augen und stellen uns "Maison Maravilha" als eine Reise von der Amalfi-Küste bis zum Vesuv, hinaus auf's Meer nach Sardinien und über Capri zurück zur Küste von Neapel vor. Den perfekten Soundtrack für eine solche Tour liefert dieses hinreissende Album.

Barbieris Internationale

Barbieris musikalische Welt endet jedoch nicht an den Stadtgrenzen seiner Heimat Neapel. Mit der Buena Vista Social Club-Sängerin Omaro Portuondo ging er zusammen in Barcelona ins Studio, um zu einer klassischen Fado-Gitarre das bezaubernde Duett "Malegria" aufzunehmen. Ein Italiener und eine Kubanerin lassen sich in Katalonien von einem portugiesischen Instrument begleiten. Genauso selbstverständlich covert er den französischen Sänger, der ihm stilistisch wohl am nächsten steht: Henri Salvador. Sein "Muraille de chine" unterstreicht die Wesensverwandtschaft zwischen dem italienischen Sänger und dem Chansonnier, Barbieris Version bleibt nah am Original, jedoch mit einer bezaubernden eigenen Note. Das Stück veranlasste die Salvador-Witwe zu einem Brief an Joe Barbieri in dem sie schrieb, sie sei sicher, ihr Mann wäre tief von Barbieris Interpretation bewegt. Der hütet diesen Brief nun wie einen Schatz.

Die perfekte Coverversion

Paolo Conte dagegen wird sein "Wanda" wohl kaum wieder erkennen. Barbieri, der dieses Stück bei einem Sizilienaufenthalt kennen lernte, verkehrt hier die Welt. Vom Machismo des Originals ist nichts mehr zu spüren, stattdessen weht eine sanfte Lockerheit durch die Neubearbeitung. "Wanda" ist das perfekte Beispiel, wieviel eine Coverversion leisten kann. Durch maximale Abkehr vom Original wird das Wesen dieser perfekten Melodie neu herausgearbeitet und damit zu einem swingenden Popsong, der nun auch jenseits der Conte-Gemeinde seine Hörer findet. "Ich mache nur Coverversionen von Songs, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie längst mir gehören" – so Barbieris Kommentar zu seiner Aneignung dieses Klassikers.

Wie zeitlose Musik entsteht

So interessant seine Interpretationen sind, sollte man darüber nicht vergessen, welch hervorragender Songwriter Barbieri selbst ist. Gerade seine Eigenkompositionen klingen häufig, als wären sie schon immer da gewesen. "Normalmente" etwa, das von einer einfachen Klaviermelodie eröffnet wird, entwickelt sich zu einem vielschichtigen Song, dessen eigentliche Melodie durch die Variation des Themas schrittweise immer tiefer schürft. Aus ein paar einfachen Tönen wird ein seelenvolles Ganzes, dessen Melancholie durch das Orchester getragen wird, und nicht bedrückend, sondern tröstend wirkt. Nicht eine Sekunde dieses über fünf Minuten langen Openers dürfte fehlen. "Fammi Tremare I Polsi" dagegen knüpft mit seinem leichten Bossanova-Einschlag beim letzten Album "In parole povere" an. Mit dem Unterschied, dass Barbieri sein Arrangement noch mehr ausgefeilt hat. Wie er hier zwischen Solo-Geige und Streich-Orchester wechselt und zart Pianoklänge einbettet, das erinnert an einen der großen Protagonisten der brasilianischen Szene: Caetano Veloso. Mit Veloso verbindet ihn auch die klare und deutliche Phrasierung des Gesangs. Wie bei kaum einen anderen Sänger glaubt man – auch ohne Italienischkenntnisse – zu verstehen, worum es in Joe Barbieris Stücken geht. Die musikalische Poesie überwindet Sprachbarrieren ohne Mühe.

Barbieri gelingt mit "Maison Maravilha", was nur wenigen vorbehalten ist: Er schafft es, sich auf hohem Niveau weiterzuentwickeln, ohne sich selbst untreu zu werden. Es ist die Selbstreflexion des Künstlers, die in dorthin gebracht hat: "Der Hauptunterschied zwischen den beiden Alben ist die Perspektive: mit "In parole povere" habe ich versucht, auf musikalischen Weg mein Inneres zu beschreiben. Mit "Maison Maravilha" wollte ich nach außen gehen, um die Gemeinsamkeiten zwischen der Kultur meiner Herkunft und anderen Kulturen zu ergründen."

Joe Barbieri ist zu Le Pop Musik gekommen, weil er an unsere Idee glaubte, dass Musik, egal welcher Sprache, überall funktionieren kann. Mit "Maison Maravilha" bestätigt er diese Idee erneut auf eindrucksvolle Weise.

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